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Heiko Mattausch

Rückkehr der Fresko- und Seccomalerei in die zeitgenössische Kunst – Teil 1/2

Nach längerer Italienreise im Spätsommer 2024 zeichneten sich neue Dinge am Horizont ab. Auftragsportraits male ich inzwischen seit fast zwanzig Jahren. In diesem Beitrag erkläre ich an einem Beispiel wie ich ein solches male. Nun traten zu neuen malerischen Themen maltechnische Novellierungen hinzu. Darüber will ich im vorliegenden Fall berichten.

Fresko & Secco – Begriffe, Unterschiede und Übertragung in die Tafelbildmalerei

Fresken sind die edelste Form der Malerei. Es ist die schwierigste und zugleich schönste Art zu malen. Bei ihr zeigt sich wahres Können. So sahen es Michelangelo oder der spätromantische Meister Moritz von Schwind, dem Maler der Fresken auf der Wartburg in Eisenach, und so auch ich.

Es ist die einzige Art der Malerei, bei der nur mit Farbpigmenten und Wasser auf den noch frischen Putz gemalt wird. Daher stammt der Name, denn „fresco“ bedeutet im Italienischen „frisch“. Fresken sind, abgesehen von Höhlenmalereien, die älteste Form der Malerei und auch die beständigste. Sie kommt ausschließlich für Wände und Decken in Frage. Die bekanntesten sind neben denen Michelangelos im Vatikan, die Fresken Pompejis, des Herculaneums und die der alten Ägypter. Das Sgraffito ist keine Maltechnik, wird jedoch zu den freskalen Techniken gezählt, da frischer Putz gestalterisch umgeformt wird. Ich habe hierzu einen Artikel auf meiner Seite veröffentlicht.

Neben der Fresko- gibt es diverse Techniken der Seccomalerei. Ich bevorzuge Bindemittel und Grundierungen aus eigener Manufaktur und nach historischen Rezepturen. Auf diese Weise gestatte ich meinen Seccos die optische Verwandschaft zur Freskomalerei. Der venezianische Barockmaler Giambattista Tiepolo hat es mir besonders angetan. Aus  diesem Grund malte ich ihn a secco. Die Nachempfindung seines Selbsbildnisses im Deckenfresko der Würzburger Residenz ist auf meiner Portraitseite zu sehen. Der Begriff secco (trocken) bezieht sich auf den bereits abgebundenen Putz einer Wand. Seccotechniken können auch für Tafelbildmalereien herangezogen werden. In diesem Fall nennt man sie dann Temperamalerei. Im vorliegenden Selbstbildnis habe ich mich für die zweite der beiden Möglichkeiten entschieden.

Misslang ein Stückchen Freskomalerei und drückten Handwerker und Maler Zeit und Kosten um den bemalten Putz abzuschlagen und von vorn zu beginnen, so korrigierte der Maler mithilfe der besagten Seccotechnik. Derartige Korrekturen finden sich bei sämtlichen namhaften Malern einschließlich Tiepolo.

Grundierung, Materialien und Bindemittel

Jede Maltechnik verlangt ihre eigene Grundierung. Nach den Eindrücken unserer Italienreise begann ich Holztafeln für Seccomalereien vorzubereiten. Von Anfang an war ich auf einen Malgrund bedacht, der die Seccomalerei in ihrer Wirkung dem Fresko nahebringt. Zu diesem Zweck mischte ich weißen Marmorsand aus Carrara in die letzte Schicht der Grundierung ein. Das Bindemittel bestehend aus Sumpfkalk und Kasein setzt ausschließlich kalkbeständige Pigmente voraus. Also exakt diejenigen, die man für Freskomalerei nutzt. Industriell vorgefertigte, unmittelbar verwendbare Farben und Malgründe gibt es nicht. Aufgrund kurzer Haltbarkeit während des Malprozesse, ergäbe das keinen Sinn. Damit sind sie für in Massen produzierende Industrien uninteressant. Edle und beständige Malereien in Secco- oder Freskotechnik funktionieren jedoch nur mit der frischen Zubereitung wertvollster Grundsubstanzen.

Unverzichtbar für beide Techniken ist feinster, weißer Sumpfkalk mit einem Alter von 6 Jahren oder mehr. Je länger er reift, umso besser ist er und umso haltbarer ist die Malerei. Auch hier finden keine industriellen Großproduktionen statt. Noch vor den großen Kriegen des letzten Jahrhunderts, unterhielten Bauunternehmer ihre eigenen Sumpfkalkgruben, die im Wechsel befüllt und aus ihnen entnommen wurde.

Vorteile und Reiz dieser Technik

In der Fachliteratur las ich, daß Kunstmaler diese Techniken wegen des damit verbundenen Aufwandes und der vermeintlich überschaubaren Ausdruckskraft bereits in den 1960er Jahren scheuten. Für den auf Spontanität bedachten Künstler, der kaum Wert auf sofortiges Gelingen legt, ist diese Technik nicht geeignet. Durch die bereits erwähnte Grundvoraussetzung zur Kalkbeständigkeit der Pigmente, ist das Farbkörperspektrum von vornherein limitiert. Hinzu kommen das mehrschichtige Verputzen der Wand und das Vorbereiten des Kartons. Anreiben der Farben, die fehlende Korrekturaffinität und im Fall der Seccomalerei, der zusätzliche Aufwand für die Herstellung von Grundierung und Bindemittel. Beim Fresko zieht nach einigen Stunden Arbeit der Putz an. Der Arbeitstag ist an dieser Stelle beendet, das geplante Tagwerk geschafft. Am Folgetag wird das nächste Tagwerk gemalt. Auf diese Weise arbeitet der Freskant Hand in Hand mit einem erfahrenen Putzer bis das vollständige Werk an der Wand ist.

Beim Secco bleibt die Malschicht hart und spröde. Mehrfaches Übermalen birgt die Gefahr des Abplatzens. Die kurze Haltbarkeit frisch angeriebener Farben zwingt zu konzentrierter Arbeit in engem Zeitfenster. Sogar das Bindemittel, das zu großen Teilen aus organischen Zutaten besteht, hat eine absehbare Halbwertszeit. Secco und Fresko sind äußerst feine Techniken, denen man sich mit Farbgespür und Erfahrung nähern muß, um ihre volle Schönheit erblühen lassen zu können. Wer sich den technischen Herausforderung stellt, erhält Malereien, deren Beständigkeit und Ästhetik vielleicht nur noch mit der Silikatmalerei erreicht werden kann.

Karton, Übertragung und Vorzeichnung

Die Seccomalerei, ebenfalls für die Wand geeignet, ist in der Regel die Technik der Wahl für Tafelmalerei. Begonnen habe ich im Falle des vorliegenden Selbstbildnisses, wie bei allen später folgenden Secco- und Freskomalereien, mit einem Karton im Maßstab 1:1. Für das Durchstechen der Konturen und das Pudern mit Pigmenten fehlte mir in diesem Fall die Geduld. Beim Fresko wäre es nicht anders möglich gewesen. So übertrug ich nur einige Hauptlinien, ähnlich wie man analoge Zeichentrickfilme produziert. Den Rest ergänzte ich aus freier Hand. Darauf folgte der eigentliche Malvorgang.

Pigmente und Pinsel

Für kalkbeständige Fresko- und Seccofarben stehen wie bereits erwähnt weniger Pigmente zur Verfügung als z.B. für die Herstellung von Ölfarben, auch wenn heute deutlich mehr existieren als noch vor 80 Jahren. Freskiert man auf Außenwände, reduziert sich die Auswahl an Pigmenten ein weiteres Mal. Dort müssen sie absolut lichtbeständig und säurefest sein. Beispielsweise würde echtes Zinnoberrot, wie es Tiepolo in seinem Würzburger Deckenfresko nutzte, im Sonnenlicht schwärzen. Als Weißpigment kommt traditionell ebenfalls eingesumpfter Branntkalk (Sumpfkalk) höchster Güte zum Einsatz. Ignoriert man historische Herangehensweisen, kann das vergleichsweise junge Pigment Titanweiß mit seiner sensationellen Strahlkraft auch im Kalk überzeugen.

Und schließlich nutze ich eine Handvoll Pinsel, die alle bis auf einen kleinen Spitzpinsel explizit für Freskomalerei hergestellt wurden. Meine Lieblingspinsel darunter sind die florentinischen, deren Borsten nach traditioneller Herstellung in straff gewickeltem Garn sitzen. Die verwendeten Schweineborsten werden gekocht, bevor sie zu einem für die Freskomalerei üblichen längeren Schopf gebunden werden. Die natürliche Borste saugt Kalkpigmentfarben auf und kann dementsprechend beim Malen mehr Farbe abgeben. Diese Eigenschaft wird von Synthetikhaarpinseln nicht geteilt.

Diffusionsoffenheit und Dauerhaftigkeit der Wandoberfläche

Nachdem ich mit der neuen Malweise vertraut wurde, wuchs meine Malfreude stetig. Damit hatte ich etwas aufgetan, das meine Möglichkeiten um ein Vielfaches erweiterte. Neben dem malerisch Außergewöhnlichen dieser jahrtausendealten Technik liegt ein weiterer Vorteil in ihrer baulichen Anwendbarkeit: der bleibenden Offenporigkeit der Wand. Demgegenüber verkleben Acryl- oder ölbasierende Wandfarben die Wandoberfläche. Zudem bleibt die verklebende Farbe eine Schicht an der Oberfläche, die mit der Zeit an Haltbarkeit und Strahlkraft verliert. Kalkpigmentfarben hingegen verklammern sich mit dem Wandputz, der idealerweise ein Kalkputz ist. Korrekt ausgeführt, verlieren Fresko und Secco nicht an Brillanz. Kalkputze und Farben sind ferner antistatisch und schimmelhemmend.

Inzwischen lässt sich ein größer werdender Trend zum ökologischen Bauen beobachten in denen Kalkmörtel, -putze und -farben, obwohl hochpreisig, wieder Einzug in das gegenwärtige Geschehen gesundheitsbewußter, nachhaltig denkender Bauherren gehalten hat.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zu Secco und Fresko:

Fresko: Malerei auf frischem Kalkputz. Nach Abbinden sind Malschicht und Putz eine Einheit. Für Interieurs und Außenwände. Bei Verwendung entsprechender Pigmente witterungsbeständig.
Secco: Auf bereits abgebundenem Kalkputz oder auf für Seccomalerei präparierten Tafeln. Für Interieurs. Nicht witterungsbeständig. Bleibt eine Malschicht auf dem Putz.

Kalk-Kasein als Bindemittel sorgt für die innigste Verbindung mit dem Malgrund. Das Ergebnis ist eine harte, nicht glänzende Oberfläche. Auf der Wand und in der Tafelbildmalerei gleicht sie der Freskomalerei. Zum Beispiel sind die Deckengemälde in der Frauenkirche Dresden nach ihrer Rekonstruktion nicht als Fresko- sondern Seccomalerei ausgeführt worden.

Nein, verwendet werden können nur kalkbeständige Pigmente. Die für Öl- oder Acrylfarben üblichen Pigmente sind nicht 1:1 nutzbar.

Der Grund ist das Bindemittel der Farbkörper (Pigmente). Acryl- und Ölfarben verkleben die Wandoberfläche undurchlässig für alles. Bindemittel beider sind nicht witterungsbeständig. Bei Fresko- und Seccomalerei bleiben Poren der Wand offen für die Schwankungen der Luftfeuchtigkeit. Vorteil: Dauerhafter und gesünderes Raumklima.