Rückkehr der Fresko- und Seccomalerei in die zeitgenössische Kunst – Teil 1/2
Nach längerer Italienreise im Spätsommer 2024 zeichneten sich neue Dinge am Horizont ab. Auftragsportraits male ich inzwischen seit fast zwanzig Jahren. In diesem Beitrag erkläre ich an einem Beispiel wie ich ein solches male. Nun traten zu neuen malerischen Themen maltechnische Novellierungen hinzu. Darüber will ich im vorliegenden Fall berichten.
Fresko & Secco – Begriffe, Unterschiede und Übertragung in die Tafelbildmalerei
Nach meiner Erfahrung ist der Begriff der Freskomalerei nur einem Fachpublikum wie Denkmalpflegern oder Restauratoren geläufig. Ich kannte den Begriff seit meiner Architekturstudienzeit, war allerdings über längere Zeit ausnahmslos auf Ölmalerei fokusiert, als daß ich damals mehr als nur die Terminologie kannte. In den Nachkriegsjahrzehnten der DDR noch sehr präsent, sind mir aktuell in der zeitgenössischen Kunst weltweit kaum aktuelle Freskomalereien bekannt.
Fresko ist eine für deutsche Zungen aussprechbare Ableitung des italienischen Begriffs affresco (frisch) und bezeichnet die Aufbringung einer Malerei auf den frischen Putz einer Wand oder Decke eines Gebäudes. Wobei das Sgraffito ergänzend erwähnt werden muss, das zwar weniger eine Form der Malerei, als mehr eine Kratztechnik in Putz ist. Auch diese Technik wird zu den Freskotechniken gezählt. Der Begriff ist ebenfalls dem Italienischen entlehnt. Ich habe hierzu einen Artikel auf meiner Seite veröffentlichen.
Freskomalerei ist eine Technik, die ausschließlich für Wände und Decken in Frage kommt. Sie folgt gesonderten Regeln und muss Schritt für Schritt erlernt werden. Ein durchaus erfahrener Primamaler sieht sich mitunter konfrontiert mit Herausforderungen, die er von keiner anderen Maltechnik kennt. Dennoch ist empfehlenswert, daß man sich versiert auf dem Gebiet der Primamalerei bewegt, bevor man mit der Freskomalerei beginnt. Die Möglichkeiten zu scheitern sind vielzählig, so daß es für den Anfänger ein frustrierendes Unterfangen werden kann.
Neben der Fresko- gibt es diverse Techniken der Seccomalerei. Ich bevorzuge als Bindemittel Kalk-Kasein aus eigener Manufaktur, da meine Seccos auf diese Weise Freskomalereien gleichkommen. Der venezianische Barockmaler Giambattista Tiepolo hat es mir besonders angetan. Aus diesem Grund malte ich ihn a secco. Die Nachempfindung seines Selbsbildnisses im Deckenfresko der Würzburger Residenz ist auf meiner Portraitseite zu sehen. Der Begriff secco (trocken) bezieht sich auf den bereits abgebundenen Putz einer Wand. Seccotechniken können auch für Tafelbildmalereien herangezogen werden. In diesem Fall nennt man sie jedoch Temperamalerei. Im vorliegenden Selbstbildnis habe ich mich für die zweite der beiden Möglichkeiten entschieden.
Grundierung, Materialien und Bindemittel
Jede Maltechnik verlangt ihre eigene Grundierung. Nach den Eindrücken unserer Italienreise begann ich Holztafeln für Seccomalereien vorzubereiten. Von Anfang an war ich auf einen Malgrund bedacht, der die Seccomalerei in ihrer Wirkung dem Fresko nahebringt. Zu diesem Zweck mischte ich weißen Marmorsand aus Carrara in die letzte Schicht der Grundierung ein. Das Bindemittel aus Kalk-Kasein setzt ausschließlich kalkbeständige Pigmente voraus. Also exakt diejenigen, die man für Freskomalerei nutzt. Industriell vorgefertigte, unmittelbar verwendbare Farben und Malgründe gibt es nicht.
Grenzen der Technik – Ihr Reiz und ihre Vorteile
In älterer Fachliteratur las ich, daß eine erstaunlich hohe Anzahl von Kunstmalern diese Techniken aufgrund des damit verbundenen Aufwandes und der vermeintlich überschaubaren Ausdruckskraft bereits in den 1960er Jahren scheuten. Durch die bereits erwähnte Grundvoraussetzung zur Kalkbeständigkeit der Pigmente, ist das Farbkörperspektrum von vornherein limitiert. Hinzu kommt der immense zeitliche Aufwand für Grundierung, Herstellung des Bindemittels und dem Anreiben der Farben. Fresko und Secco erlauben – im Unterschied zur Primamalerei – keinerlei Korrekturen. Jeder gezogene Strich bleibt sichtbar. Beim Fresko zieht nach einigen Stunden Arbeit der Putz an. Der Arbeitstag ist an dieser Stelle beendet, das geplante Tagwerk geschafft. Am Folgetag wird das nächste Tagwerk gemalt. Auf diese Weise arbeitet der Freskant Hand in Hand mit einem erfahrenen Putzer bis das vollständige Werk an der Wand ist.
Beim Secco bleibt die Malschicht hart und spröde. Mehrfaches Übermalen birgt die Gefahr des Abplatzens in sich und auch die kurze Haltbarkeit frisch angeriebener Farben zwingt zu konzentrierter Arbeit in engem Zeitfenster. Sogar das Bindemittel, das zu großen Teilen aus organischen Zutaten besteht, hat eine absehbare Halbwertszeit. Secco und Fresko sind äußerst feine Techniken, denen man sich mit Farbgespür und Erfahrung nähern muß, um ihre volle Schönheit entwickeln zu können. Wer sich dieser Herausforderung stellt, bekommt Malereien, die mit keiner anderen Maltechnik erreichbar sind.
Karton, Übertragung und Vorzeichnung
Die Technik ist – wie der geneigte Leser gewiss schlußfolgert – nicht meine Erfindung. Die ältesten Fresken reichen über die Antike bis in das ägyptische Altertum zurück. Die Seccomalerei, ebenfalls für die Wand geeignet, ist in der Regel die Technik der Wahl für Tafelmalerei.
Begonnen habe ich im Falle des vorliegenden Selbstbildnisses, wie bei allen später folgenden Secco- und Freskomalereien, mit einem Karton im Maßstab 1:1. Für das Durchstechen der Konturen und das Pudern mit Pigmenten fehlte mir in diesem Fall die Geduld. Beim Fresko wäre es nicht anders möglich gewesen. So übertrug ich nur einige Hauptlinien, ähnlich wie man analoge Zeichentrickfilme produziert. Den Rest ergänzte ich aus freier Hand. Darauf folgte der eigentliche Malvorgang.
Pigmente und Pinsel
Für Fresko- und Seccofarben stehen weniger Pigmente zur Verfügung als für die Herstellung von Ölfarben, auch wenn es heute deutlich mehr sind als noch vor 80 Jahren. Wie bereits erwähnt, sind ausschließlich kalkbeständige Pigmente verwendbar. Freskiert man auf Außenwände, reduziert sich die Auswahl an Pigmenten ein weiteres Mal. Dort müssen Pigmente absolut lichtbeständig und säurefest sein. Beispielsweise würde echtes Zinnoberrot, wie es Tiepolo in seinem Würzburger Deckenfresko nutzte, im Sonnenlicht schwärzen. Und schließlich nutzte ich eine Handvoll Pinsel, die alle bis auf einen kleinen Spitzpinsel explizit für Freskomalerei hergestellt sind. Meine Lieblingspinsel darunter sind die florentinischen, deren Borsten nach traditioneller Herstellung in straff gewickeltem Garn sitzen.
Diffusionsoffenheit und Dauerhaftigkeit der Wandoberfläche
Nachdem ich mit der neuen Malweise vertraut wurde, wuchs meine Malfreude stetig. Damit hatte ich etwas aufgetan, das meine Möglichkeiten um ein Vielfaches erweiterte. Neben dem malerisch Außergewöhnlichen dieser jahrtausendealten Technik liegt ein weiterer Vorteil in ihrer baulichen Anwendbarkeit: der bleibenden Offenporigkeit der Wand. Acryl- oder ölbasierende Wandfarben verkleben demgegenüber die Wandoberfläche. Zudem bleibt die verklebende Farbe eine Schicht an der Oberfläche, die mit der Zeit an Haltbarkeit und Strahlkraft verliert. Kalkpigmentfarben hingegen verklammern sich mit dem Wandputz, der idealerweise ein Kalkputz ist. Korrekt ausgeführt, verlieren Fresko und Secco nicht an Brillanz. Kalkputze und Farben sind ferner antistatisch und schimmelhemmend.
Die wichtigsten Fragen und Antworten zu Secco und Fresko:
Fresko oder Secco – Wo liegt der Unterschied?
Fresko: Malerei auf frischem Kalkputz. Nach Abbinden sind Malschicht und Putz eine Einheit. Für Interieurs und Außenwände. Bei Verwendung entsprechender Pigmente witterungsbeständig.
Secco: Auf bereits abgebundenem Kalkputz oder auf für Seccomalerei präparierten Tafeln. Für Interieurs. Nicht witterungsbeständig. Bleibt eine Malschicht auf dem Putz.
Warum Kalk-Kasein als Bindemittel?
Kalk-Kasein als Bindemittel sorgt für die innigste Verbindung mit dem Malgrund. Das Ergebnis ist eine harte, nicht glänzende Oberfläche. Auf der Wand und in der Tafelbildmalerei gleicht sie der Freskomalerei. Zum Beispiel sind die Deckengemälde in der Frauenkirche Dresden nach ihrer Rekonstruktion nicht als Fresko-, sondern Seccomalerei ausgeführt worden.
Sind alle Pigmente geeignet?
Nein, verwendet werden können nur kalkbeständige Pigmente. Die für Öl- oder Acrylfarben üblichen Pigmente sind nicht 1:1 nutzbar.
Warum bleibt die Wand diffusionsoffen?
Der Grund ist das Bindemittel der Farbkörper (Pigmente). Acryl- und Ölfarben verkleben die Wandoberfläche undurchlässig für alles. Bindemittel beider sind nicht witterungsbeständig. Bei Fresko- und Seccomalerei bleiben Poren der Wand offen für die Schwankungen der Luftfeuchtigkeit. Vorteil: Dauerhafter und gesünderes Raumklima.
Jedes Projekt beginnt mit einem Gespräch und einer Skizze. Schreiben Sie mir.


