Was hat Mallorca mit dem Land der aufgehenden Sonne zu tun?!
Zunächst einmal nichts. Mir schwirren mehrere thematisch voneinander losgelöste Fragmente durch den Kopf, die sich bereits in jungen Jahren als stabile Affinitäten in mir ausgeprägt haben. Etwa meine Vorliebe für asiatische Kampfkünste und realistische Malerei. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, daß beide Bereiche weniger Interessen als vielmehr ein innerer Antrieb, vielleicht sogar ein Lebenssinn sind. Im Japanischen gibt es dafür den Begriff Ikigai (生き甲斐).
Beides verfolge und entwickle ich seit meiner Kindheit ohne jemals in Motivationskrisen geraten zu sein oder auf den Musenkuss warten zu müssen. Es ist einfach da, geht nicht weg und bringt einen Zustand tiefer Zufriedenheit mit sich. Meine Arbeit macht mich so glücklich.
Doch wie kommt es dazu? In dem Moment, in dem ein Maler den handwerklichen Teil seines Berufes vollständig verinnerlicht hat, beginnt er aus einer inneren Selbstverständlichkeit heraus zu arbeiten. Ab diesem Punkt gibt es zwei Wege: Entweder bleibt er bei der rein technischen Ausführung stehen oder er begibt sich auf die lebenslange Suche nach einem tieferen Sinn seines Tuns. Dieser Sinn läßt sich nicht konstruieren, er ist bei großen Künstlern von vornherein angelegt und eine immer wieder neu beginnende Suche nach sich selbst. Beim Schriftsteller ist es die Textform, beim Komponisten die Musik und beim Maler das Bild. Es gilt im goetheschen Sinne zu erkennen was die Welt im Innersten zusammenhält, die Erkenntnis durch sich hindurchfließen zu lassen und mit eigenen Mitteln wieder nach außen abzuleiten. In meinem Fall ist es die Malerei.
Das Motiv, das ich 2023 auf Mallorca in Valldemossa fand, bewertete ich sofort malerisch. Wie immer, wenn mich etwas anzieht, war ich regelrecht nervös. Welche Pflanzen in den Kübeln an den Häuserwänden wuchsen, wußte ich damals nicht; eine treue Sammlerin teilte mir später mit, daß es die Mexikanische Dreimasterblume (Tradescantia pallida) sei. Zehn Minuten ging ich um das Motiv herum und suchte in immer neuen Einstellungen die überzeugendste für die spätere Malerei.
Als Bewunderer des ausgeprägten Sinns der Japaner für Reinheit, Klarheit und Ästhetik denke ich seit langem darüber nach, wie ich mehr „Japan“ in meine Bilder bringe. Auch bei diesem Motiv ist das der Impuls. Wohin mich dieser Weg führt, weiß ich nicht. Der Weg selbst ist das Ziel, im Japanischen Do, wie in Budo (武道), dem Weg des Kriegers.
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