Texte


I’ve been really enjoying what Heiko has been doing with this [100 heads] challenge; not only does he achieve such wonderful marks in his drawing, there is a certain balance of tightness and looseness that really appeals to my senses. A description of form that tells you enough, but not too much, leaving aspects open for interpretation I find makes very visually engaging work. As an added bonus he uploads lots of process videos and progress shots to learn from or just enjoy, and I will always love stuff like that.

Milo Hartnoll, Brighton 2018

Viele Wege führen zur Kunst und wenn es sich bei jemandem gelohnt hat, diese Richtung doch noch einzuschlagen, dann ist es Heiko Mattausch. Der gebürtige Döbelner arbeitete erst mehrere Jahre als Architekt, bevor er sich endgültig für das entschied, zu was er sich schon immer hingezogen fühlte: zur Malerei. Heute ist der 40-Jährige Vollzeitmaler in Leipzig. Dass die Architektur nicht nur ein beruflicher Zwischenstopp, sondern ein prägender Wegweiser war, beweist ein Blick auf seine Bilder.

Wenn man Heiko Mattausch in seinem Atelier in Leipzig besucht, sticht einem zunächst die Schlichtheit seiner Arbeitsstätte ins Auge. Die großen, hellen Räume im Souterrain eines Gründerzeithauses wirken sehr licht, fast schon ein wenig karg. Ungewöhnlich minimalistisch für einen kreativen Freigeist. Der Mann mit dem kupferfarbenen Dreitagesbart scheint viel Raum für sich zu brauchen. Mit seinem legeren, blauen Hoodie wirkt er fast noch ein wenig jugendlich, dabei hat der 40-Jährige zweifelsohne seine orientierungslosen Backfischjahren längst hinter sich gelassen. In seinem Blick ist ein scharfer Fokus. Und der ist ganz deutlich zu spüren, ohne dass man zunächst ein Wort mit ihm wechseln muss. Wir setzen uns. Mein Blick wandert durch 40 Quadratmeter Altbau und verharrt in der hinteren Ecke des Raumes. Pinsel, Ölfarben, Terpentin – geordnet stehen sie in einem kleinen Holzregal neben seinem aktuellen Werk. Das 1×1,40 Zentimeter große Ölgemälde zeigt eine Männersilhouette mit Hahnenkamm. Darüber steht in großen Lettern „Punx not dead“. Eine Auftragsarbeit, an der er seit ein paar Monaten arbeitet. Mir gefällt es auf Anhieb gut. Der Maler selbst sieht das etwas anders: „Ich bin noch nicht zufrieden damit“, betont er.

Ein Tappen im Dunkeln auf der Suche nach dem Licht

Mattausch wirkt rastlos, der eigene Anspruch an Perfektion scheint ihn wie ein Motor anzutreiben. Zugegeben, nörgelig könne er da schon mal werden, wenn etwas nicht so gelingt, wie er sich das vorgestellt hat. Sein tägliches Arbeiten sei ein emotionales Auf und Ab, sein Schaffensprozess ähnlich wie ein Tappen im Dunkeln auf der Suche nach dem Licht. Ein Glück, dass die eigene Unzufriedenheit mit den wachsenden Erfolgen nur noch selten da ist. Seit über 24 Jahren malt Mattausch, seit zwei Jahren habe er endlich das Gefühl, seinen eigenen Stil gefunden zu haben. Seine Inspiration findet er dabei auf der Straße und in der Natur. Kein Wunder, dass Porträts und Straßenszenen die Klammer seiner Arbeit bilden. Häufig malt er Menschen und Orte, die er unterwegs entdeckt hat und in seinen Skizzen als Gedankenstütze festhält. Er bevorzugt das Terrain abseits des touristischen Mainstreams und geht der Frage nach, inwieweit sich ein Individuum mit seinem Verhalten in der Natur oder Stadt anpasst. Beispielsweise auch, ob sich ein Charakter im Gesicht ablesen lässt.

Viele Ideen seien bereits in seiner Gedankenwelt verankert und müssten erst noch in die Bildwelt übertragen werden. Mattausch betont: „Aber man darf nicht zu viel darüber nachdenken. Ein Bild muss entstehen, damit es locker bleibt.“ Aus dieser Idee entstand auch sein Dauerprojekt „Weekly Wonder“, bei dem er urbane Orte und Industriekomplexe rund um den Globus aus der Perspektive eines flüchtigen Blickes malt und wöchentlich auf seinem Blog veröffentlicht. Sechs Tage die Woche steht er im Atelier. Der Sonntag ist selbstverständlich Arbeitstag, der Samstag hingegen ist für „Orga-Kram“ reserviert. Malen mache ihn schlichtweg glücklich. Und der Ausgleich? Den finde er auf Reisen und im Training. Kampfsport sei da eine alte Leidenschaft von ihm. Yoga inzwischen auch.

Gelungene Umwege

Je mehr ich mich mit ihm unterhalte, umso mehr frage ich mich, warum sich ein Mensch bei einer so klaren Bestimmung zunächst für einen Umweg entschieden hat. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Großen Respekt habe er vor dem engen, ökonomischen Rahmen gehabt, in dem er sich als Maler vielleicht bewegen würde. Mit der Zeit wurde der Weg in die Kunst jedoch unausweichlich: „Ich habe das Gefühl nicht mehr ausgehalten, im Büro meine Lebenszeit abzusitzen und acht Stunden am Tag belanglose Dinge zu tun.“ Währenddessen habe er sich Bilder von seinen Lieblingsmalern aus dem Netz gezogen, Kunstbücher gekauft und sei ständig durch Museen und Galerien gewandert. Er wollte nicht mehr nur nach Feierabend malen, sondern immer. Mattausch bewirbt sich schließlich für ein Kunststudium an der Burg Giebichenstein in Halle. Und die Architektur? Die war ab da chancenlos.

Eine Frage der Authentizität und Qualität

Liebermann, Corinth, Mortimer, Mann und Wood – der Leipziger hat sich auf seiner Reise durch die Kunstwelt oft mit anderen Malern beschäftigt. Gute Architektur findet Mattausch nach wie vor anziehend. Zur Zeit schaut er sich oft gotische Kirchenfiguren an und denkt darüber nach, wie er die Stilistik dieser Figuren in seine Bilder bekommt. Seiner Ansicht nach muss Kunst zwei Dinge besitzen: Authentizität und Qualität. Ob es dann gefällt, sei natürlich abhängig vom Zeitgeist und der Rolle auf dem Kunstmarkt, jedoch ist bei dem Mann mit den breiten Schultern mehr Rebellion als Anpassung zu spüren: „Ein Maler muss unbeirrbar sein Ding durchziehen und sich weiterentwickeln. Erst dann kann gute Kunst entstehen, unabhängig davon, ob sie wirtschaftlichen Erfolg mit sich bringt oder nicht.“ Ehrliche Worte eines ehemaligen Architekten der unterwegs doch noch den Mut für die Malerei gefunden hat. Welches Erlebnis ihn in seinem Leben nachhaltig geprägt habe, möchte ich zum Schluss noch wissen: „Vorerst die Entscheidung nicht zu malen.“ Ein Statement, das ich ihm ohne Zweifel abkaufe.

Sabrina Lieb, 2017

Dieses Volk, wie es der Künstler selbst nennt, kommt zerschunden und verschlissen nach langer Reise heim. Wir wissen nicht, ob es zurück- in ein gelobtes Land oder aus eben diesem ernüchtert wiederkehrt. Ersteres würde ein Erreichen des utopischen Vorhabens bedeuten und damit ein positives Bild zeichnen. Wie Odysseus, der nach langerer Reise sein Ithaka wieder zu Gesicht bekommt, wären die Rückkehrer auf dem Gemälde nach beschwerlicher Reise den heimatlichen Gefilden nahe. Metaphorisch gesprochen am Ziel der Lebensreise, an deren Ursprung; im Sinne einer metaphysischen Reise zurück am Anfang der auch das Ende bedeutet. Liest man das Bild als enttäuschte Heimkehr, den Auszug ins utopische Paradies als gescheitert, wird die Aussage wesentlich pessimistischer. Eine Vision führte das Volk einst in die Ferne, geschlagen und verbittert kehren die erfolglosen wieder. Durch den Titel bleibt diese Entscheidung beim Betrachter, die Aussage angenehm ambivalent.

activeArt, 2014

Kulturbegeisterte Traditionsliebhaber müssen es einsehen: Heiko Mattausch verkörpert all das was man nicht mit einem Maler in Verbindung bringt. In einer farbrestfreien Jeanslatzhose öffnet mir der Wahlleipziger die Tür. Binnen weniger Sekunden hat das zugegeben klischeebehaftete Image eines Malers ein Update erfahren. Helle Leipziger Westwohnung statt entlegener Kreativgarage. Atelier statt Wohnzimmer. Eisgekühlter Apfelsaft mit Minzblättern statt Kaffee und Kippe.

Um Routine zu vermeiden, lässt sich Heiko Mattausch gerne überraschen. Vor allem von sich selbst. Und doch bleibt er seiner Linie, die selbst Konzerne wie Goodyear zu einem Großauftrag überzeugten, immer treu und macht aus jedem Bild früher oder später einen unverkennbaren Mattausch. Einige Werke des 37-Jährigen warten seit mehreren Jahren auf ihre Fertigstellung, andere wiederum entstanden aus einer plötzlichen Inspiration und erhielten nach nur wenigen Tagen ihren letzten Pinselstrich. Vermutet mancher hinter einem Maler der Neuzeit noch immer ein verrücktes Genie, so sollte er spätestens jetzt eines besseren belehrt werden. Heiko Mattausch spricht ungewohnt rational von seinem Talent, das zum Beruf wurde, von den Geschichten hinter der Leinwand und seinem persönlichen Bezug. Immer wieder fällt mein Blick auf das dazugehörige Bild. Wilde Pinselstriche, markante Erhebungen, weich ineinanderfließende Farben und schemenhafte Formen fügen sich erst mit dem nötigen Abstand zu einem klaren Ganzen zusammen. Pinsel und Spachtel bilden seine kreativen Waffen, Öl die Munition. Leidenschaftlich wandert Mattausch von Bild zu Bild und nimmt mich mit auf eine kreative Reise, vorbei an surrealen Abbildern eines schönen Leipzigs, die gerade einmal wirklich genug sind, um den Ort erkennen zu lassen. Unser Weg führt uns weiter zu Visualisierungen biblischer Musikstücke, Diplomarbeiten überdimensionalen Ausmaßes bis hin zu Grafiken, auf denen Menschen tief in ihr Innerstes blicken lassen. Auch ein Selbstportrait findet sich unter den Werken des studierten Malers. Es trägt den Titel Kirmesboxer und vielleicht stecken darin Wahrheit und Erfolgsrezept in einem.

Laura Becker, 2013

Wenn man Heiko Mattausch zum ersten Mal begegnet, will keines der gängigen Künstler-Klischees so recht passen. Ein offenes Lachen schallt durch den Raum. Gut gelaunt präsentiert der gebürtige Sachse seine neuesten Werke.

Schon früh hat Heiko Mattausch eine Faszination für urbane Strukturen entwickelt. Es ist nicht zuletzt der Reiz der Proportionen, der ihn nach dem Abitur zum Studium an die HTWK nach Leipzig treibt. Das Architekturdiplom hat er schnell in der Tasche. Es folgende drei Jahre der Praxis, als Grafikdesigner und Architekt in Hamburg. Doch der berufliche Erfolg ist ihm nicht genug. Der innere Wunsch, sich ausführlich mit der Kunst und dem dazugehörigen Handwerk zu beschäftigen, wird übermächtig. Heiko Mattausch zieht es erneut an die Hochschule. Doch noch zweifelt er daran, seinen Lebensunterhalt ausschließlich als Künstler bestreiten zu können. Deswegen studiert er zunächst Lehramt für die Fächer Kunst und Spanisch. Mit den letzten Ersparnissen aus der Zeit in Hamburg fliegt Heiko Mattausch kurze Zeit später nach Andalusien. Sein Plan ist simpel aber ambitioniert: Ein Teilzeitjob als Architekt soll die finanzielle Lebensgrundlage sichern, die freie Zeit in vollem Umfang der Kunst und Malerei gewidmet werden. Der Plan geht auf. Am Fuße der Alhambra findet Heiko Mattausch wonach er sucht. Die beeindruckenden Zeugnisse alter Kulturen, architektonische Vielfalt und die zahlreichen Relikte des Glaubens. Die Zeit im sonnigen Granada wird ihn, nicht nur als Künstler, ganz entscheidend prägen. Er durchstreift den Albaicín, das älteste Viertel der Stadt. Spürt die Magie der arabischen Wurzeln. Fühlt die Macht der Reconquista. Bewegt sich Tag für Tag im Spannungsfeld der verschiedenen Religionen. Die Zeit in Andalusien ist ein Quell der Inspiration. Und sie ist das Ende der faulen Kompromisse.

Zurück in Deutschland macht Mattausch Nägel mit Köpfen. Er geht an die renommierte Hochschule Burg Giebichenstein und studiert dort Malerei und Grafik. Mit dem zweiten Diplom in eben diesem Studiengang schließt er die universitäre Ausbildung ab. Jetzt, da Heiko Mattausch neben den handwerklichen Grundlagen auch über eine solides Wissen der Kunstgeschichte und erste Lebenserfahrung verfügt, muss er den Berufsalltag als Maler meistern. Anfangs fällt das nicht immer leicht. In der neuen alten Heimat Leipzig entstehen die ersten herausragenden Werke. Eines davon ist der Bilderzyklus Membra Jesu nostri. Doch das Malen ist nicht alles. Mattausch weiß, dass er als Künstler auch eine Ein-Mann-Firma ist. Den Momenten der Ruhe im Atelier folgen Verhandlungen mit Galeristen, Gespräche mit Kollegen, Begrüßungsworte auf der Vernissage. Die Vermarktung seiner Werke fordert den jungen Künstler. Doch schnell besinnt er sich auf das, was ihn schon immer ausgezeichnet hat: Er weiß was er will und er weiß was er kann.

Heute beginnen die Tage an der Staffelei und enden nicht selten in einem angeregten Dialog mit Interessenten. Heiko Mattausch konzeptioniert eigene Ausstellungen. Er managt im wahren Wortsinn sein Geschäft und bewahrt sich dabei trotzdem das Refugium der Ruhe, das er zum Malen braucht. Von der Unsicherheit der frühen Jahre ist nichts mehr da. Heiko Mattausch redet gern über seine Werke. Noch viel lieber zeigt er sie. Der Stolz darauf ist ihm durchaus anzumerken. Wieder erschallt ein Lachen im Raum. Natürlich sollen die Bilder Ausdruck seiner eigenen Persönlichkeit sein, sagt Mattausch. Doch für die Empfindungen sei jeder einzelne Betrachter schon selbst verantwortlich. Metaphorisches Geschwafel ist ihm ein Graus. Und doch beschreibt er die Welt in Bildern.

Peter Timmel
Leipzig, 2012

Heiko Mattausch ist seit früher Kindheit ein sehr guter Freund von mir. Wir wohnten bis Anfang zwanzig in Döbeln fast nebeneinander, nur eine Straße lag dazwischen. Den Entfernungen der Folgejahre und den Unterschieden zum Trotz hat uns das freundschaftlich nie entzweit. Mit dem Malen hat er bereits in frühen Jahren begonnen; ein Interesse, was bis heute nicht so recht zu passen scheint auf sein bodenständiges wie auch körperliches Naturell. Umso interessanter für mich seine Entwicklung: Teils unvorhersehbar, unangepasst, fast als roh zu bezeichnen, wenn ich mich nicht auf die Zwischentöne in seinem Wesen wie auch seinen Bildern einlassen würde.

In Heikos erstem Studium – der Architektur – merkte ich bereits die Gespaltenheit in seiner Arbeit. Statt einem Reißbrett war immer die Staffelei allgegenwärtig. Auch die Fotografie und die Sicht auf Gebäude passten nicht so recht auf einen reinen Architekten. Ganz der Malerei gab er sich erst bei seinem zweiten Studium hin, die Malerei war endlich sein Hauptfach. Doch war es offiziell noch ein Studium. In den letzten Jahren kam dann die entgültige Wende. So gerne man diese Zeit davor als Jahre des Suchens bezeichnen könnte, so falsch läge man damit. Ich bin mir seit langem sicher, dass Heiko Mattausch kein Maler werden kann, sondern längst Maler ist.

A.S.: Wohin würdest Du Deine Kunstrichtung einordnen: Ist es Expressionismus oder Neue Leipziger Schule?
H.M.: Weder noch. Wenn man es so nimmt, haben die Neue Leipziger Schule und ich gemeinsame Bezugsquellen, aber unterschiedliche Richtungen in die wir gegangen sind. Heisig, Tübke und ein paar Leute der zweiten Generation ziehen meine Blicke auf sich seit ich sie zum ersten Mal als Architekturstudent Mitte der Neunziger sah. In den folgenden Jahren sind weitere Konstanten der Kunstgeschichte wie Rembrandt oder Dürer hinzu gekommen. Goya gefällt mir auch. Vor allem die kleinen farbigen Kabinettstücke. Aber es gibt noch mehr wie Horst Janssen oder Alfred Hrdlicka. Von dem gefällt mir sogar die Skulptur.

A.S.: Und wie kommst Du auf Deine Ideen?
H.M.: Oft habe ich im Vorfeld etwas gesehen, das einen Malreiz auslöst. Ich baue es als Detail in ein Bild – wenn es denn irgendwann mal passt – oder aber ich verändere es sofort wie ich es fürs Bild brauche. Landschaften sind willkommene Fingerübungen. Es gibt jedoch auch Landschaften, die sind reine Kompositionen, nichts einzueins Erlebtes. Bei dem Bild Hornissen zum Beispiel war der Auslöser das Panorama eines Steinbruches in dem ich im Sommer meine Bahnen ziehe. Mir geisterte seitdem eine diffuse Bildidee im Kopf herum. Bereits die Zeichnung sah völlig anders aus als der sächsische Steinbruch und das Bild auf der Leinwand hat sich ebenfalls vielfach verändert. Ich war immer wieder unzufrieden mit den Interimsergebnissen bis es schließlich passte. In ein paar Sitzungen habe ich das Bild Ende des letzten Jahres fertig gemalt. Mit dem ursprünglich Gesehenen hatte es nichts mehr zu tun. Ähnlich verhält es sich mit Figurenkompositionen. Ich trage ein Thema mit mir herum. Da ich sehr ungeduldig bin, fange ich nach wenigen Skizzen mit der Malerei an. Die Zeichnung dient der Fixierung der Idee und Formklärung. Auf der Leinwand entwickle ich das Thema im Detail.

A.S.: Du bist ja ein so fröhlicher Mensch, wieso diese Düsternis in Deinen Werken oder anders gefragt, scheint in Dir die Sonne oder lädst Du etwas ab mit Deiner Malerei?
H.M.: Für mich ist Schwarz eine der edelsten Farben. Schau dir an wie Goya und Rembrandt damit umgehen konnten. Die Bilder scheinen manchmal nur mit Braun, Ocker, Weiß und Schwarz gemalt zu sein. Gelegentlich findet man auch Rot oder Gelb vor. Diese Bilder tragen ein unglaublich tiefes Leuchten in sich. Das Schwarz ist hier alles andere als düster. Mir scheint es warm und anziehend. Ich wollte das auch in meiner Malerei erreichen. Als ich endlich das erste Bild so herausbekam wie ich es mir vorstellte, habe ich es mit den nächsten probiert. Es sollte ja kein Zufallsergebnis sein, sondern ich will Herr meiner Mittel sein und nicht umgekehrt.

A.S.: Siehst Du in Deinen Affendarstellungen eine Analogie bzw. eine reduzierte Darstellung des Menschen mit seinen Instinkten, seinen Urbedürfnissen?
H.M.: Sie passen sehr gut in mein metaphorisches Schema, weil sie mit dem Menschen artverwandt sind. Was sie von uns unterscheidet: Sie sind näher an ihrem natürlichen Gebaren. Darüber hinaus sind es lässige und ästhetische Kreaturen. Ich wollte sie unbedingt malen.

A.S.: Konterkarierst Du Deine Erfahrungen in der Architektur bewusst mit Menschen und diesen Tieren oder wie verbindest Du das in Deinen Arbeiten?
H.M.: Ich sehe was los ist. Ob mein Architekturstudium hierfür dienlich war, weiß ich nicht. Ich mache mir keine Gedanken, warum dass so bei mir ist. Es ist einfach so. Im übrigen ist mein Stadt-Mensch-Natur-Grundtenor exemplarisch. Du kannst ihn als repräsentatives Synonym für die aktuelle Gesamtsituation sehen. Ich hatte soeben schon erwähnt, dass Affen oder generell Tiere sich natürlicher verhalten als wir es tun. Zumindest solange wir sie lassen sind sie instinktgetrieben. Wir sind das in unseren Trieben weitestgehend auch. Unser natürliches Verhalten im Alltag ist jedoch durch soziokulturelle Prägung überformt.

A.S.: Inwiefern möchtest Du damit die Verbindung bezüglich Individuum und Bau thematisieren?
H.M.: Die Frage sollte neben Individuum und Bau auf Natur erweitert werden. Das hängt ja alles zusammen. Der Mensch ist ein natürliches Wesen und die Stadt ist etwas in die Natur Gesetztes. Ich kenne die Entwicklungen in der Architektur und sehe bedenkliche Potentiale. Die Stadtutopien wie sie beispielsweise in Asien umgesetzt wurden sind auf den ersten Blick schick und moralisch fast einwandfrei. Meiner Meinung nach aber der Anfang einer Ghettoisierung. Der Platzbedarf wird ja kein geringerer nur weil man in die Höhe baut und die Lebensqualität keine hochwertigere nur weil man Grünflächen zwischen die Geschosse stapelt.

A.S.: Wie würde ein Haus oder eine Stadt aussehen, wenn Du sie entwerfen würdest?
H.M.: Wenn ich an der Entwicklung einer größeren Stadt beteiligt wäre, gäbe es u. a. weitere und vor allem breitere grüne Adern. Am Beispiel des Potsdamer Platzes in Berlin sehen wir wie das entweder nicht gelungen ist oder nicht gewollt wurde. Immer wenn ich in Berlin bin, versuche ich dort nicht zu sein. Der Stadtraum dort ist glatt und kalt, kontrastlos und langweilig.

A.S.: Gäbe es einen Unterschied, wenn Du sie als Maler entwerfen würdest?
H.M.: Als Architekt würde ich meiner Arbeit humanistische Werte zugrunde legen. Das ist die Grundlage. Dürfte ich das, hätte ich als Maler ein Thema weniger. Als Maler interessiert mich der Istzustand und die Punkte wo der größtmögliche Hebel angesetzt werden kann. Ich mag also etwas mit ausgeprägter Kontur und selbst wenn ich eine Landschaft male, ist nicht die gepflegte Blumenwiese mein Sujet, sondern irgendein modriger Acker mit einem knorrigen Baum.

A.S.: Wo steht in beiden Fragen der Mensch als Individuum bzw. als soziales Subjekt?
H.M.: Ich bin in erster Linie Figurenmaler und werde das immer sein. Schon allein deshalb nimmt er bei mir zentralen Stellenwert ein. Dann habe ich aber auch Kompositionen, die sehen auf den ersten Blick wie entvölkerte Landschaften aus. Denkt man sich da hinein, wird man merken, dass es da sehr wohl um den Menschen geht. Das Hornissenbild über das wir vorhin sprachen ist so ein Bild. Du hast da einerseits die natürliche Kulisse in Form des Flusses, des abgestorbenen Baumes usw. Mittendurch knattert der alte Doppeldecker über die moderne Stadtlandschaft, die in den Urwald gesetzt wurde und dazwischen qualmt es. Ist doch klar, dass das irgendjemand verursacht hat.

A.S.: Würdest Du Dich als Fortschrittsskeptiker einordnen?
H.M.: Mir fehlen gelegentlich ein paar Aspekte und das Argument der Wirtschaftlichkeit eines Gebäudes ist kein Totschlagargument gegen alles Andere. Er ist nur eine Ausrede. Meiner Meinung nach muss eine funktionierende Stadt am Maße des Menschen und nach ästhetischen Gesichtspunkten entworfen werden. Ich sehe nicht, dass diese beiden Punkte der Wirtschaftlichkeit gegenüberstehen. Die Schnelligkeit und den niedrigen Anspruch mit dem etwas gebaut wird betrachte ich demzufolge kritisch, weil dadurch wird es auch schnellebig; man könnte sogar sagen beliebig und schließlich egal. So eine Einstellung kann ich nicht akzeptieren. Wenn man es genau nimmt, fehlt dem Städtebau und der Architektur heute der humanistische Geist. Deshalb meide ich so etwas, wo ich es kann. Vereinzelt gibt es gelungene moderne Architektur. Die schaue ich mir sehr gern an und betrete sie wenn ich darf. Insofern bin ich also kein Fortschrittsskeptiker.

A.S.: Wenn das gegenüber einem Künstler erlaubt ist als Frage: Hat Deine Kunst einen sozialkritischen, architekturskeptischen oder anderweitig gearteten Kritikhintergrund?
H.M.: Über allen meinen Äußerungen steht für mich der Satz von Protagoras: Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Meine Arbeit ist entscheidend davon beeinflusst weil ich weiß, der Grieche hatte Recht. Ich sehe, dass ein paar entscheidende Leute nicht so denken. Die können es entweder nicht besser oder sie wollen nicht. Demgegenüber ist es sehr wohl ein sozialkritischer Ansatz.

Dresden im Mai 2012

Schwerpunkt im künstlerischen Schaffen Heiko Mattauschs ist die Landschaft, insbesondere die Stadtlandschaft, gesehene und erdachte. Zudem interessiert ihn der Mensch in seinem spannungsgeladenen Dasein. Der Leipziger taucht ihn in mythologisch aufgeladene Bilder, zeigt ihn als Gestürzten, als müden Reisenden in der Welt. Aber er schaut ihm auch auf Augenhöhe ins Gesicht und porträtiert ihn. Anders als die Porträts sind die Stadtbilder oder Landschaften von Heiko Mattausch keine direkten Abbilder der Wirklichkeit. Die Gemälde werden nicht draußen „vor dem Motiv“ gemalt, sie entstehen im Atelier. Dort ringt er um seine Themen und deren malerische Lösung. Häufig sind in den Land- und Stadtlandschaften mehrere Ebenen intendiert, auch metaphernhafte Züge eingeschrieben. Es geht um die Frage nach der Unmöglichkeit einer heutigen unschuldigen „reinen“ Natur oder um die Sicht auf die Stadt als künstlich erschaffene Landschaft, die aus der Überformung der Natur durch den Menschen entstanden ist und in der der Mensch existieren muss.

Um Existentielles im Dasein des Menschen geht es auch im Zyklus „Membra Jesu nostri“, der 2011 in Öl auf Leinwand gemalt wurde. Entstanden ist die siebenteilige Bildfolge aus der direkten Anregung durch das Musikstück „Membra Jesu nostri patientis sanctissima“, so der vollständige Name. Er bedeutet „Die allerheiligsten Gliedmaßen unseres leidenden Jesus.“ Für die Passionszeit des Jahres 1680 komponierte Dieterich Buxtehude dieses, sein größtes oratorisches Werk. Als Komponist geistlicher und weltlicher Werke gilt er als einre der bedeutendsten nordeuropäischen Musikerpersönlichkeiten der Barockzeit. In den sieben Einzelkantaten des Passionszyklus – die prinzipiell alle dem Schema mit instrumentaler Einleitung und sich anschließendem Chorsatz mit Bibeltext und Wiederholung des Chorsatzes folgen – werden Füße, Knie, Hände, Seite, Brust, Herz und Haupt des gekreuzigten Christus allegorisch gedeutet. Bei der „Rhythmica oratio“, der Textgrundlage, handelt es sich um mittelalterliche lateinische Gedichte. Das letzte Gedicht dieses Zyklus ist wohlbekannt, da es in der Übersetzung von Paul Gerhardt in die evangelische Tradition eingegangen ist. Es heißt „O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn, o Haupt zu Spott gebunden mit einer Dornenkron“. So wie die Kantaten als musikalisch-sinnlich erfahrbare Betrachtung erklingen, so erforscht der Maler die Figur des leidenden Menschen bildnerisch. Er hält sich an die Kantatensätze und zeigt in seinem Zyklus: Ad pedes, die Füße. Ad genua, die Knie. Ad manus, die Hände. Ad latus, die Seite. Ad pectus, die Brust. Ad cor, das Herz und Ad faciem, das Gesicht. Leid, Trauer und gleichermaßen Körpererfahrung sprechen aus der Malerei, die aber auch deutlich von einer beobachtenden Hinwendung zeugt. Im ersten Bild sind die totenblassen Beine des Gekreuzigten zu sehen, die Füße tragen die Male der Nägel. Die Interpretation zur Strophe der Knie, im zweiten Bild, ist umfänglicher. Der Maler zeigt den gestürzten Heiland. Einen nackten Mann, der auf die Knie gefallen ist und sich erschöpft auf den Boden stützt. Im dritten Bild sieht man in einem kahlen Raum zwei angriffsbereite Gesellen und die Hände, mit denen sich der Gestürzte wieder heraufziehen möchte. Sie sind verkrampft, zeugen von den Folterschmerzen der Passion Jesu. In den Bildern vier und fünf – Brust und Seite – steht jeweils die Ganzkörperfigur des Gepeinigten, mit blasser Hautfarbe und in gekrümmter Haltung, im Mittelpunkt. Die Menschlichkeit im Leiden des Erlösers wird durch die vollkommene Nacktheit des Körpers ausgedrückt. Im Bild zur siebten Strophe zeigt der Maler das Haupt voll Blut und Wunden. In das untere Drittel des Hochformates gemalt, vor einem dunklen, leeren Hintergrund, wirkt der von Wunden und der Dornenkrone Gekennzeichnete schwer geschlagen. Frei interpretierend öffnet Heiko Mattausch den Zyklus im Werk zur sechsten Strophe: Sein Gemälde zum Herzen erweitert er in eine Pieta und deutet weit hinaus über dessen Funktion als lebenswichtiger Muskel hin zum Sinnbild der Liebe. Ein Gesamtbild wird möglich. Malerisch und menschlich. Das Format der Leinwand ist größer, setzt einen Schwerpunkt im Zyklus und rhythmisiert ihn. Die Komposition ist figurenreicher. Der tote Körper des Gekreuzigten, blass und schmal am unteren Bildrand liegend, wird von liebenden Menschen (Maria und Johannes) betrauert, die wiederum beschützend umfangen werden. Sie sind zudem nicht nur zugewandt dargestellt, auch die Farben ihrer Kleider sind kräftig und lebendig. Zwei weiße Tauben (in der christlichen Ikonographie Sinnbild für den Heiligen Geist) fliegen auf. Die Natur, die Bäume sind lebendig grün. In der Darstellung „Ad cor“ strahlt die Hoffnung auf Erlösung auf. Die Bildfolge ist ein großes Bekenntnis von Heiko Mattausch zur figurativen und zur narrativen Malerei.

Christine Dorothea Hölzig
Leipzig, 2012